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Freitag, 18. Mai 2012
Ich neben dir - du neben mir. Geschwister behinderter Menschen aus mehreren Generationen erzählen (Gebundene Ausgabe) von Marlies Winkelheide (Herausgeber) Geest-Verlag, Vechta-Langförden, 2007 267 Seiten ISBN 978- 3-86685-045-3 14,80 Euro
Geschwisterkinder aus verschiedenen Generationen melden sich zu Wort
Gib den Kindern einen guten Willen, unterstütze ihre Anstrengungen, segne ihre Mühen. Führe sie nicht den leichtesten Weg, aber den schönsten.
Janusz Korczak: Allein mit Gott
Gebete eines Menschen, der nicht betet Gebet eines Erziehers

Die Autorin und Veranstalterin von Geschwisterseminaren, Marlies Winkelheide. Foto (c) Geest-Verlag
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(aus dem Vorwort von Marlies Winkelheide)
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (Artikel 1 Grundgesetz)
Was es bedeutet, sich für einen selbstverständlichen Platz für einen Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft einzusetzen, wissen alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die uns in diesem Buch ihre Geschichten erzählen. Sie kennen die Auseinandersetzungen, die Kraftanstrengungen, den Kampf mit zuständigen Behörden, um die Rahmenbedingungen des Lebens für den Menschen mit Behinderung so gut wie möglich gestalten zu können. Dabei geht es lediglich darum, jemandem mit Würde das Recht einzuräumen, das ihm zusteht. Geschwister von Kindern mit Behinderungen sind von Beginn ihres Lebens an oder schon in frühen Jahren ihrer Kindheit vertraut mit Lebensbedingungen und Lebenssituationen, die anders sind als ihre eigenen. Sie kennen verschiedene Lebensformen. Leben mit Behinderung braucht Aufmerksamkeit, Förderung, Achtsamkeit, viele zusätzliche Überlegungen, Entscheidungen. Oftmals stehen die Lebensbedingungen des Bruders, der Schwester mit Behinderung im Mittelpunkt des Interesses einer Familie, damit das Zusammenleben für alle gelingen kann. Jedes Familienmitglied hat dabei einen besonderen Beitrag zu leisten. Die gesamte Familie stellt sich, in der Wunschvorstellung, darauf ein, Eltern, Großeltern, Verwandte und auch Freunde und Bekannte. Immer wieder geht es um die Bewältigung von Sorgen und Gefühlen, um die sorgfältige und umsichtige Suche nach Antworten auf viele Fragen, die sich in unbekannten Lebenssituationen immer wieder neu stellen. Dass das alles lebensnotwendig und lebenswichtig ist, darum wissen die AutorInnen dieses Buches. Sie können oft mit Selbstverständlichkeit auf Lebenssituationen eingehen, die andere Menschen verunsichern, ja sogar ängstigen. Sie können sich auf Menschen einstellen, sich in Menschen einfühlen, eine eigene Form der Kommunikation finden. Das Leben der Geschwister wird in einem entscheidenden Ausmaß geprägt von den Auseinandersetzungen und Gedanken um das Leben des Menschen mit Behinderung. Es wird geprägt von besonderem Erleben. Die Gedanken der Geschwister zu achten, ihnen mit Respekt zu begegnen, sie aufmerksam wahrzunehmen und unvoreingenommen auf sich wirken zu lassen und nachzudenken, ist Anliegen dieses Buches. Es geht nicht darum zu urteilen und zu beurteilen, Gefühle zu wecken, die eine Wertung einschließen. Vieles wird hier beschrieben, was manche LeserInnen aus eigenem Erleben nicht kennen und sich daher nur schwer vorstellen können. Die Geschichten fordern daher auf, sie aufmerksam zu lesen, ohne sie zu bewerten. Ich hoffe, dass es den LeserInnen gelingt sich berühren, sich anrühren zu lassen, einmal ganz das Erleben der Geschwister in den Mittelpunkt zu stellen und stehen zu lassen. Vielleicht kann so viel von dem wirken, was diese Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen uns vermitteln wollen, wo sie verstanden werden wollen. Vielleicht können wir, wenn wir uns auf ihre Perspektive einlassen, erkennen, was wir von ihnen lernen können. Es spielt dabei keine Rolle, ob ein solches Erleben zu der Normalität einer Geschwisterauseinandersetzung gehört, also eher nichts Außergewöhnliches ist. Es geht nicht darum, Reaktionsmöglichkeiten zu entwickeln, um ausgleichen zu wollen, was der Leserin, dem Leser persönlich als zu viel, zu schwer erscheint. Es geht um Achtung und Anerkennung von Leistungen, die nicht mit Noten und Punkten zu bewerten sind. Es geht um die Achtung und Anerkennung von Leistungen so wie sie gelebt werden und nicht darum wie wir sie mitunter sehen und interpretieren wollen. Im Wesentlichen geht es um die Diskussion von Lebens-werten. Hier erzählen Menschen ganz direkt und selbstverständlich, was sie aus den Begegnungen mit ihren behinderten Geschwistern für ihr eigenes Leben mitnehmen, mitgenommen haben. In dieser Selbstverständlichkeit können sie uns Vorbild und Leitbild sein. Durch die Begegnungen mit der Lebenswelt von Geschwistern von behinderten Menschen werden viele Gefühle in uns berührt, geweckt - auch widersprüchliche Emotionen hervorgerufen. Es ist durchaus eine anstrengende Herausforderung, bei dem geschilderten Erleben der Geschwister zu bleiben, zunächst nicht zu fragen und zu hinterfragen, die Aussagen wirklich uneingeschränkt im Mittelpunkt stehen zu lassen, für diese Zeit radikal ihre Sichtweise einzunehmen. Die Gedanken Korczaks können dabei leitend sein.
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